1 Kilo Ferrari kostet etwa 170 Euro, tatsächlich?

Aber sicher. Der Duft von Johannesbeerknospen kostet das x-fache. Ätherische Öle können so teuer sein wie ein Luxus-Auto. Wenn die Blüten per Hand gepflückt werden, auch wenn Maschinen die Weiterverarbeitung übernehmen.  Aber wie kommt denn jetzt die Pflanze in den Flacon?

In den kleinen Betrieben an der Côte d’Azur, im Industriegebiet von Grasse, warten natürliche Rohstoffe aus der ganzen Welt auf ihre Weiterverarbeitung. Ob Jasmin aus Ägypten, Rosen aus der Türkei , Sandelholz aus Indien oder von den Kanacken aus Neukaledonien, Vetiver aus dem tropischen Asien oder Bergamotte aus Italien – in diesen Laboren werden sie zu edelsten Duftstoffen für die Menschheit. 

Die Johannisbeerknospen kommen aus dem Burgund, der französischen Weinregion. Hier begannen die Bauern in den sechziger Jahren mit dem Anbau der Beerensträucher, ausschließlich für die Parfumproduktion. Früher wurden die Knospen mit der Hand geerntet. Jetzt gibt es sensible Mähmaschinen dafür. Dennoch ist der Kilopreis hoch, weil Arbeitskraft und Land in Frankreich teuer sind. Aber auf den Boden kommt es an. Das lehmige Erdreich des Burgund versorgt die Pflanzen mit besonderen Aromen.

Nichts ist schwerer als einen Duft zu beschreiben. Über die Kunst der Herstellung eines Parfums ist nicht viel bekannt, weil über Duft viel zu wenig geschrieben und gesprochen wird. Parfumeure sind Künstler, Poeten auf ihre eigene Art. Doch wie entsteht ein olfaktorisches Meisterwerk? Wer sind die Kreateure hinter den großen weltweiten Klassikern? Wer hat die ultimative Nase? Mit welchen Worten kann ich meinen Lieblingsduft beschreiben? Und welche Schätze gibt es abseits der bekannten Marken zu entdecken?

Im Industriegebiet von Grasse, das heute mit Labors und Zweigstellen der Aromakonzerne zubetoniert ist, wuchsen vor 100 Jahren noch Jasmin und Rosen in dichten Reihen. Schon im 16. Jahrhundert siedelten sich in der Gegend Handschuhmacher an, die ihre Leder parfümierten und an den Adel verkauften. Während der Industrialisierung begründete Grasse seinen Ruf als Zentrum der Parfumwelt. Die Zeiten sind vorbei, die Stadt ist ein Museum, und nur noch wenige örtliche Produzenten leisten sich den Pflanzenanbau. Wenn, dann vornehmlich, um das Prestige von Chanel und Dior zu erhalten, die sich rühmen, die Formeln und Inhaltsstoffe einiger ihrer Klassiker nicht zu verändern. Der Schwerpunkt der Produktion hat sich längst ins Ausland verlagert, dorthin wo die Stundenlöhne geringer sind.

Natürliche Duftstoffe sind so luxuriös, dass sie in gängigen Parfums meist nur noch in homöopathischen Dosen verwendet werden. In 800 Stunden pflücken ägyptische Arbeiter 6.000.000 Jasminblüten, daraus wird 1 Kilogramm reines Jasminöl gewonnen, das nach vielen Filter-, Reinigungs- und Verfeinerungsgängen für etwa 3.600 Euro verkauft wird, je nach Güte der Ernte. Iris, die italienische Wurzelkönigin, ist noch edler: Bis zu 100.000 Euro pro Kilo kann ihr Extrakt kosten. In unscheinbaren Aluminiumflaschen warten die Schätze dann in der Werkshalle auf ihre Auslieferung. Wer was bestellt hat, wohin die Paletten mit Lavendelfässern geschickt werden, ist streng geheim.

Es geht nicht nur darum, ein Rosenblatt zu verflüssigen, sondern den natürlichen Duft der Rose wie einen Farbfächer vor sich zu sehen und ihn dann zu bearbeiten. Farben zu mischen und manche auch zu löschen. Unbearbeitetes, reines Rosenöl besteht aus bis zu 500 einzelnen Molekülen. Citronellol, Geraniol, Nerol, Linalool, Rhodinol, Citral und und und. Jedes von ihnen hat seinen eigenen Duft. Bestimmte Moleküle, also bestimmte Nuancen oder unerwünschte Farbstoffe können Experten aus dem natürlichen Destillat herausfiltern. Sie können der Vetiverwurzel das Rauchige nehmen und die Grapefruit in ihr herauskitzeln, können Patchouli vom Erdstaub befreien, sodass es nur noch warm und weich, aber nicht mehr muffig ist. 

 

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